• ETOS Redaktion

11 Wochen in einem neuen Land

Praktikum in Wien - Österreich


Wien, Österreich – 11 Wochen in einem neuen Land, das der Heimat in mancher Hinsicht so ähnlich ist. Neben sehr positiven Erfahrungen im Praktikum, habe ich tolle Leute kennengelernt, neue Freundschaften geschlossen und nebenbei Wien in mein Herz geschlossen.


Für mich ging es morgens mit der U-Bahn ins Praktikum in den Bezirk Meidling. Das Pflegewohnheim dort war für die kommenden Wochen meine Praktikumsstelle. Meine Anleiterinnen haben mich mit offenen Armen empfangen, mich ermutigt neue Dinge auszuprobieren, da sie genauso von einer Studentin aus Deutschland profitieren wollten, wie ich von ihren Arbeitsweisen und beruflichen Wertevorstellungen. Meine Befürchtung das Wienerisch der Klient:innen nicht zu verstehen, bestätigte sich zum Glück nicht. Tatsächlich erkannte ich einiges aus Bayern, wo ich zuhause bin, wieder. Als sehr angenehm habe ich das Arbeitsklima empfunden. Alle, in den Genesungsprozess der Klient:innen eingebundenen, Berufsgruppen hatten einen sehr respektvollen und offenen Umgang miteinander. Zudem wurde Wert auf die Gesundheit der Mitarbeiter:innen gelegt. So gab es sportliche Angebote (wie Karate, Yoga, Zumba) und regelmäßig Gymnastik auf Station für das Personal. Ein großer Unterschied zum Deutschen Gesundheitssystem ist, dass die Stadt Wien die Kosten für die dortigen Pflegeeinrichtungen trägt. Das Pflegewohnhaus Meidling ist sehr modern, mit eigenen Therapieräumen ausgestattet und bietet den Bewohner:innen überwiegend Einzelzimmer mit eigenem Balkon. Der Eigenanteil an Kosten errechnet sich prozentual aus dem jeweiligen Einkommen. Ein hauseigener Sozialarbeiter unterstützt die Bewohner:innen u.a. darin die finanziellen Angelegenheiten zu regeln. Insgesamt habe ich die Zeit dort als sehr bereichernd empfunden und ich konnte neben meiner persönlichen Weiterentwicklung einen Einblick in das therapeutische Arbeiten in einem anderen Land gewinnen, in dem zum Beispiel die ET-Ausbildung seit 15 Jahren voll akademisiert ist und in Wien alle medizinischen, therapeutischen und diagnostischen Gesundheitsberufe (MTDG) einer Gruppe zuordnet werden. In meiner Erfahrung hat das bereits bei den Studierenden unter den angehenden Therapeut:innen ein Zugehörigkeitsgefühl zu der gleichen Berufsgruppe gefördert.


Zum 50-jährigen Jubiläum der ET-Ausbildung in Wien gab es einige interessante Workshops an der FH Campus Wien, an denen ich teilgenommen habe. Es ging um Denkanstöße und andere

Perspektiven, z.B. das Nutzen des Human-Centered-Designs im Sinne der Ergotherapie (aus Belgien).

Im zweiten Bezirk von Wien, unmittelbar in der Nähe vom Donau-Kanal, bin ich in einer vierer-Mädels-WG untergekommen, die mich in das Wiener Leben eingeführt haben. Über ERASMUS nahm ich an dem Austrian Culture Course teil, wodurch ich andere europäische Studierende kennenlernte und somit nebenbei meine interkulturelle Kompetenz ausbauen konnte. Als Gruppe haben wir oft etwas unternommen. Dank der etwas entspannteren Corona-Lage konnte ich das große kulturelle Angebot in Wien erleben. Von Museen über Schlösser, Fotografie-Ausstellungen, Konzerte, ein Musical und ein Opernbesuch in der berühmten Wiener Staatsoper, bis zu Nachmittagen in Wiener Kaffeehäusern und Fahrradtouren durch die Stadt und an der Donau habe ich meine relativ kurze Zeit in Wien voll genutzt. Die Wochen gingen unglaublich schnell vorbei und der Abschied viel mir schwer, sowohl im Praktikum als auch von den Menschen, die ich außerhalb des Praktikums kennengelernt habe.

Praktikum Wien - Ergotherapiestudium ETOS
09.-11.2021, Kira Hanßmann





Mit ein paar echten Wiener Wörtern möchte ich den Bericht abschließen: Wien ist oifach urleiwand!

Und damit: Pfiat di und Baba!







„Das Team hätten Sie am liebsten eingepackt und mitgenommen“ wurde ich am Ende des Praktikums gefragt und dies bestätigte ich. Mein Aufenthalt auf der Remobilisationsstation in Wien war vor allem durch die enge und inspirierende Zusammenarbeit mit den Physio- und Ergotherapeuten, den Pflege- und Reinigungskräften sowie dem Fachpersonal aus Medizin, Psychologie und der sozialen Arbeit gekennzeichnet.

Dadurch entstanden gemeinsame Therapien von Ergo- und Physiotherapie, die Unterstützung der Pflege durch alltagsnahe Therapiegestaltung und die interdisziplinäre Beratung zu den Zukunftsaussichten der individuellen Klienten in gemeinschaftlichen Absprachen aller Parteien.

Zeitnah übernahm ich Gruppen- und Einzeltherapien, jederzeit Bestand die Möglichkeit, meine Anleiter zur Supervision hinzuzuziehen und die Therapien detailliert zu reflektieren – eine enorme Bereicherung für meine eigene Entwicklung zum Ergotherapeuten. Von Beginn an wurde ich in die täglichen Therapieteamsitzungen inkludiert und fühlte mich bald als vollständiges Teil des Teams.


Das geriatrische Klientel kam zumeist mit durch Stürze ausgelöste Frakturen auf diese Station, um einen Rehabilitationsprozess mit der Zielsetzung „Entlassung ins häusliche Umfeld“ anzustreben. Auf ergotherapeutischer Ebene wurde von Transfers über die Hilfsmittelversorgungen und Mobilitätstraining bis hin zu ADL-Training alles beübt, damit die Klienten im Alltag gegebenenfalls mit Unterstützung bestmöglich selbstständig zurechtkommen.

Die Denkweise der Ergotherapie mit dem Fokus Mobilität und Selbstversorgung orientiert sich am Top-Down Ansatz sowie dem Occupational Performance Model (OPM), wonach ebenfalls die tägliche Dokumentation abläuft.

Besonders herausstellen möchte ich die Klientenzentrierung und Sorge um jeden Einzelnen auf dessen Rehabilitationsprozess, welcher vom Aufnahmedatum bis zur Entlassung und Nachbetreuung fortgeführt wird. Nach dem Verlassen der Station besuchen die Therapeuten die Klienten in deren persönlichem Umfeld in der Privatwohnung oder dem Pensionistenheim, um die erlernten Fertigkeiten auf Funktionalität zu überprüfen und bei Bedarf Adaptionen vorzunehmen, die das eigenständige Leben bis ins hohe Alter sicherstellen.


Wien als lebenswerteste Stadt hat in seinen beschaulichen Gassen für jeden etwas zu bieten und die lauen Herbstabende im Schanigarten der Innenstadt oder beim Heurigen in den Wiener Weinbergen zu genießen ist ein Hochgenuss – ebenso wie die Wienerische Küche!


Diese Auslandserfahrung ist aus meiner Sicht eine Bereicherung auf persönlicher Ebene, aber vor allem auf Beruflicher, und dies nicht zuletzt durch meine Kollegen…


Saskia Eichhof

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